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(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)
In Deutschland erkranken laut Mainzer Kinderkrebsregister jedes Jahr 1500 - 1600 Kinder an einem Tumorleiden. Neben chirurgischen und strahlentherapeutischen Maßnahmen wird häufig eine Chemotherapie durchgeführt. Bei Neuroblastomen, Hirntumoren, Keimzelltumoren und Osteosarkomen wird das Zytostatikum Cisplatin im Rahmen der Polychemotherapie eingesetzt, dessen ototoxische Wirkung bekannt ist. Bei insgesamt günstiger Prognose kommt den therapiebedingten Langzeitnebenwirkungen eine große Bedeutung zu. Hörschädigungen im Kindesalter können unbehandelt zu Störungen der Sprachentwicklung und der intellektuellen und psychosozialen Entfaltung führen. Das Hörvermögen des Menschen ist an eine regelrechte Funktion der Haarzellen im lnnenohr gebunden. Hier erfolgt die Schalltransduktion, d.h. die Umwandlung eines mechanischen in einen elektrischen Reiz. Die äußeren Haarzellen sorgen durch aktive Kontraktion für eine Verstärkung der durch den Schall entstandenen Wanderwelle. In den frequenzselektiv aktivierten inneren Haarzellen wird die Wanderwelle in einen nervalen Impuls umkodiert. Medikamente können direkt oder indirekt diese physiologischen, biochemischen und mikromechanischen Vorgänge im Innenohr stören.
Die Cisplatin-Ototoxizität zeigt sich klinisch in einer irreversiblen, symmetrischen Hochtonschwerhörigkeit, die mit zunehmendem Schweregrad auch die tieferen Frequenzen betreffen und im Extremfall zur kompletten Ertaubung führen kann. Tinnitus und vestibuläre Symptome können ebenfalls auftreten. Die genauen Pathomechanismen der Schädigung durch Cisplatin sind allerdings noch ungeklärt. Bekannt ist, dass morphologisch die Schädigung an der ersten Reihe der äußeren Haarzellen im Bereich der basalen Schneckenwindung beginnt. Nachfolgend degenerieren die weiteren Reihen dieses Zelltyps. Die inneren Haarzellen, die Stria vascularis und die Stützzellen werden erst sehr viel später angegriffen.
In einer aktuellen retrospektiven Studie an 45 mit Cisplatin behandelten Kindern zeigt sich im Gesamtkollektiv in 49% (n=22) der Fälle eine sichere Hörschädigung (>20dB bei 8000 Hz). Die Hauptsprachfrequenzen (1000 bzw. 2000 Hz) sind aber nur bei 2% (n=l) bzw. bei 9% (n=4) der Kinder involviert.
Die Ototoxizität von Cisplatin wird von der Tumorart und dem damit verbundenen Therapiekonzept beeinflusst: 75% der Neuroblastom-, 67% der Hirntumor- und 46% der Osteosarkompatienten weisen einen Hörschaden auf. Auffällig bleibt die fehlende Hörminderung bei Kindern mit Keimzelltumoren, die zusätzlich Bleomycin erhalten haben. Mit steigender Einzel- und Gesamtdosis nimmt die Ototoxizität bei deutlichen individuellen Empfindlichkeitsunterschieden zu. Jüngere Kindern (unter 10 Jahre) sind insgesamt häufiger betroffen. Solange sich die medikamentös bedingte Ototoxizität präventiven Maßnahmen entzieht, steht die frühzeitige Diagnostik einer Hörbehinderung mittels otoakustischer Emissionen und Tonaudiometrie im Vordergrund der kontrollierenden Aktivität. Als konsequente Maßnahme kann eine Umstellung von Cisplatin auf das geringer ototoxisch wirkende Carboplatin oder aber eine Hörgeräteversorgung vorgenommen werden.