HNO Klinik Bonn > Forschung > Publikationen > Klinisch Praktische Informationen

Klinisch-Praktische Informationen 4, 3 (1996)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Immunszintigraphie bei malignem Melanom

Die Inzidenz maligner Melanome ist in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Für die Bundesrepublik ist derzeit von 12 Neuerkrankungen auf 100000 Menschen auszugehen. Vor Festlegung eines therapeutischen Konzeptes hat das diagnostische Vorgehen nach der histologischen Sicherung vordringlich den Ausschluss von Lymphknoten- und Fernmetastasen zu beachten. Konventionelle radiologische Untersuchungsverfahren haben sich dafür etabliert, jedoch bedarf der Nachweis kleinerer Lymphknotenvergrößerungen der zusätzlichen diagnostischen Absicherung. Seit 1985 stehen Technetium-markierte Antikörper gegen Zelloberflächen- und zytoplasmatische Antigene von Melanomzellen für die klinische Anwendung zur Verfügung. Bei Patienten mit malignen Melanomen im Kopf-Hals-Bereich besteht eine diagnostische Lücke insofern, als zwar mit den gängigen bildgebenden Verfahren auch kleinere Lymphknotenvergrößerungen mit hoher Sensitivität erkannt werden, ohne aber eine Artdiagnose stellen zu können. Die szintigraphische Darstellung dieser Veränderungen mit melanomspezifischen Antikörpern ist geeignet, diese Lücke in brauchbarem Ausmaß zu schließen.

In einer eigenen Untersuchung wurden 25 lmmunszintigraphien bei 16 Patienten ausgewertet. Die Untersuchung erfolgte im Rahmen der Primär- bzw. Nachsorgediagnostik bei bekanntem Kopf-Hals-Melanom im Bereich der Haut (n=8), der Nase und der NNH (n = 3), des Fersenbeins (n = 1), der Sklera (n = 1) sowie bei Halslymphknotenmetastasen von Melanomen außerhalb des Kopf-Hals-Bereiches (n = 2) bzw. bei unbekanntem Primärtumor (n = 1). Die Sensitivität der Untersuchung, d.h. das Verhältnis richtig positiver Befunde zu richtig positiven und falsch negativen Befunden, lag bei 88%. Die Spezifität, d.h. das Verhältnis richtig negativer Befunde zu richtig negativen und falsch positiven Befunden, lag bei 80%.

Im klinischen Gebrauch kommt der Methode besonderer Stellenwert bei der Zuordnung von Lymphknotenveränderungen zu, wobei die deutlich gesteigerte Technetiumanreicherung in Lymphknoten von mehr als 2 cm Durchmesser unterstrichen wird. Bei bekanntem Grundleiden müssen klinisch und auch radiologisch erfasste Lymphknoten von mehr als 2 cm Durchmesser im Kopf-Hals-Bereich zunächst als Metastasen angesehen werden. Diese Grenze ist allerdings unter differentialdiagnostischen Überlegungen eher zu hoch angesetzt, zumal die Befürworter einer elektiven Neck dissection schon den klinisch unauffälligen Lymphknotenstatus, also den Verdacht auf Mikro- oder klinisch und radiologisch noch nicht fassbare Metastasierung als Indikation ansehen. Im Hinblick auf die praktische Bedeutung des Lymphknotenstatus für die Prognose und die adäquate Therapie wäre aber gerade eine Früherkennung metastatisch befallener Lymphknoten im palpatorischen und radiologischen N.-Hals evident wichtig. Im vorliegenden Patientenkollektiv fanden sich in vier Fällen (25%) pathologische Szintigramme mit histologischem Tumornachweis schon bei Lymphknoten von weniger als 1 cm Durchmesser, die palpatorisch nicht nachweisbar waren. Dieses war auch in bereits voroperierten Regionen der Fall.

Der Melanomnachweis in der Lunge, dem oberen Mediastinum, der Leber, der Milz sowie im Bereich der ableitenden Harnwege gelingt nicht mit ausreichender Verlässlichkeit. Hierfür ist der in diesen Organen physiologisch hohe Blutpool verantwortlich. Dagegen sollte die Immunszintigraphie in die Diagnostik von malignen Melanomen des Kopf-Hals-Bereiches integriert werden. In Ergänzung konventioneller bildgebender Verfahren ist sie hinreichend häufig geeignet, Aussagen zur Dignität verdächtiger Gewebebezirke zu machen und die Entscheidung über den einzuschlagenden therapeutischen Weg zu erleichtern.

Rosanowski, F., B. Briele, E.K. Walther:
Immunszintigraphischer-Metastasennachweis bei malignen Melanomen im Kopf-Hals-Bereich. Laryngo-Rhino-Otol. 1994, 73: 94-97.