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Klinisch-Praktische Informationen 4, 4 (1998)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Bewertung des intrakraniellen Blutflusses durch multimodale Überprüfung der Kollateralreserve über den Circulus arteriosus Willisi

Seit der Einführung im Jahr 1906 durch Crile gehört die Neck dissection (Halsweichteilausräumung) mit ihren in der Folgezeit erarbeiteten Modifikationen neben der Resektion des Primärtumors zum kurativen Therapieprogramm bei Kopf-Hals-Karzinomen. Während die Resektion der Vena jugularis interna von Anfang an bei Tumorbefall mit zum onkochirurgischen Vorgehen gehörte, stellte die Entfernung der Arteria carotis interna bei Wandinfiltration bis in die Gegenwart aus naheliegenden Gründen Problem und Grenze der therapeutischen Möglichkeiten dar. Es war daher nach präoperativen diagnostischen Verfahren zu suchen, die erkennen lassen können, ob eine Resektion der Arteria carotis interna ohne neurologische Folgen möglich ist oder ob ein prothetischer Gefäßersatz die cerebrale Durchblutung zu sichern hat.

In enger Zusammenarbeit mit der Radiologischen und Neuroradiologischen Klinik bzw. dem Institut für Nuklearmedizin haben wir in den letzten Jahren ein multimodales Verfahren zur Klärung der aufgeworfenen Frage entwickeln können. Momentan beschreiben weltweit nur noch dänische Autoren vergleichbare Ergebnisse.

Verfahren: Durch Ballonokklusion wird unter Kontrolle mit Doppler-Ultraschall die A.carotis interna verschlossen. Entscheidender Schritt ist, zuvor durch Injektion von Azetazolamid die reale funktionelle cerebrovaskuläre Kollateralreserve zu eröffnen, die dann durch Angiographie und cerebrale Tc 99-HMPAO-Szintigrafie dokumentiert wird.

Ergebnisse: Bis zum Stichtag waren 90 Patienten untersucht worden. Es gelang, die Patienten präoperativ fehlerfrei herauszusondern, bei denen die Resektion der A. carotis interna ohne neurologische Folgen blieb. Bei weiteren Patienten mit einer als ausreichend befundeten Kollateralreserve konnte intraoperativ auf die Resektion verzichtet werden, da sich hinreichende Präparationsgrenzen ergeben hatten. Drei Patienten boten unzureichende intrakranielle Kollateralreserve, zwei von ihnen verweigerten die Operation, ein Patient erhielt einen prothetischen Gefäßersatz und lebt symptomfrei.

Die prognostische Bedeutung des tumorösen Carotisbefalls ist nach vorliegenden Beobachtungen im Prinzip nicht anders zu werten, als der Befall der Vena jugularis interna. Die Resektion der A. carotis interna unter der nunmehr gesicherten Differenzierungsmöglichkeit einer nachfolgenden neurologischen Komplikation bietet eine neue Dimension in der Onkochirurgie von Kopf und Hals. Es kann festgehalten werden, daß durch Doppler-kontrollierten gesicherten Gefäßverschluß und die pharmakologische Realisierung eine funktionelle cerebrovaskuläre Durchblutungsreserve dokumentiert werden kann, die die operative Planung deutlich exakter und sicherer ermöglicht. Da bislang ein tumoröser Carotisbefall prognosemindernd die operativen Möglichkeiten einschränkte, kann durch diese wenig belastende cerebrale Gefäßdiagnostik eine zusätzliche Chance zur Prognoseverbesserung dieser schwererkrankten Patienten angeboten werden.

Nach: Herberhold, C.,  H. Urbach,  E. Klemm,  M. Stein

Int. Symp. on Metastases in Head and Neck Cancers, Kiel 15.-18.01.1998