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Klinisch-Praktische Informationen 6, 1 (1995)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Antidrom fortgeleitete Reizantworten des N. facialls bei inkompletter peripherer Faziallsparese

Mit den bislang üblichen elektrophysiologischen Untersuchungsverfahren des N. facialis (Nervenerregbarkeitstest, Neuronographie, Myographie) werden bei einer Funktionsstörung ausschließlich indirekte myogene Folgereaktionen erfaßt. Auch bei der transkraniellen Magnetstimulation, bei der die Erregung im intratemporalen Verlauf erfolgt, werden myogene Reaktionen erfaßt. Die Registrierung antidrom fortgeleiteter Reizantworten des N. facialis, die wir erstmals 1978 vorgestellt hatten, ermöglicht hingegen eine direkte Untersuchung auf neuraler Ebene (1). Durch ein differenziertes elektrophysiologisches Verfahren im eigenen Labor hat die antidrome Fazialisreizung in den letzten Jahren die Möglichkeit erbracht, den Funktionszustand des N. facialis über die klinisch häufig entscheidende Defektstrecke im intratemporalen Verlauf bei peripherer Reizung und zentraler (Skalp) elektrischer Ableitung mit Rechnern zu erfassen. Die Ableitbarkeit solcher Potentiale läßt jedoch immer den Ausschluß eines Kontinuitätsverlustes zu (2).

Bei erhaltener Kontinuität bzw. unvollständiger Läsion mit kompletter Parese ist das abzuleitende Potential in Amplitude und Latenzzeit beeinträchtigt, aber vorhanden. Erstmals wurden mit dieser Technik inkomplette periphere Fazialisparesen untersucht (3). Die Potentialeigenschaften der antidrom fortgeleiteten Reizantworten zeigen eine deutliche Korrelation zu dem klinischen Schädigungsbild. Mit zunehmendem Schweregrad erhöhen sich die Latenzzeiten bei gleichzeitiger Potenbalverbreiterung. Für die Amplituden ist mit steigendem Schweregrad eine Abnahme zu verzeichnen. Im Gegensatz zur Fazialisneuronographie, die den Zustand des neuromuskulären Systems durch Fortschreiten der axonalen Degeneration nur verzögert darstellen kann, signalisiert die antidrom erregte Reizantwort auch im akuten Stadium zuverlässig den neuralen Funktionszustand.

Verlaufskontrollen an Patienten mit klinisch inkompletter Fazialisparese unterschiedlicher Ätiologie zeigen synchron mit Besserung des klinischen Erscheinungsbildes eine Abnahme der Latenzzeit und Normalisierung der Potentialform. Die antidrome Fazialisreizung signalisiert somit den aktuellen Zustand des neuromuskulären Systems und "klebt" gewissermaßen am klinischen Verlauf.

(1) Herberhold, C.:
A new possibility for testing the facial nerve. In: Proc. of 2nd Symposium of the Joseph Society, Le Laboratoire Roussel, Paris, July 1978
(2) Rödel, R., C. Herberhold:
Elektroneuronographie, Magnetstimulafion und antidrome Reizung des N. facialis. Arch. Otorhinolaryngol Suppl. 11 (1991) 91
(3) Rödel, R., C. Herberhold:
Antidrom fortgeleitete Reizantworten des N. facialis bei inkompletter peripherer Fazialisparese. Vortrag auf der 66. Jahresversammlurig der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Karlsruhe, 27. bis 31 Mai 1995.