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Klinisch-Praktische Informationen 6, 1 (1999)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Komorbidität als Einflußgröße auf die Prognose bei Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich

Situation: Das gleichzeitige Vorliegen von chronischen Erkrankungen wird bis heute unabhängig von einem zur Behandlung anstehenden Tumorleiden gesehen und entsprechend auch unabhängig von diesem klassifiziert. Seit Mitte der 80er Jahre wird an Modellen zur Verbesserung des Tumorstagings unter Berücksichtigung begleitender Erkrankungen gearbeitet. Dabei hat sich die Entwicklung des Kaplan-Feinstein Komorbiditätsindex als wertvolles Mittel zur Einschätzung der Schwere und der Anzahl begleitender Erkrankungen herausgestellt. Ziel ist festzustellen, welchen Einfluß diese Vorerkrankungen auf den Heilungsverlauf und auf die Prognose bei der chirurgischen Therapie von Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich haben.

Patienten und Methode: Es wurden in die vorliegende Studie 174 Männer (86%) und 29 Frauen (14%) mit einem Durchschnittsalter von 59,6 Jahren aufgenommen, die im Zeitraum von April 1994 bis April 1998 wegen eines Plattenepithelkarzinoms im Kopf-Hals-Bereich chirurgisch mit kurativer Absicht ersttherapiert worden waren. Demographische und tumorspezifische Daten, Angaben zur Noxenanamnese und der Verlauf der Erkrankung wurden erhoben und ergänzt durch die Erfassung der präoperativ diagnostizierten Begleiterkrankungen anhand eines von Piccirillo modifizierten Kaplan-Feinstein-Index und durch die postoperativ aufgetretenen Komplikationen bei der primären operativen Therapie.

Ergebnisse: Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigten sich bei der Noxenanamnese für inhalative Noxen von 44,9 Jahren durchschnittlichem Konsum von 20 Zigaretten pro Tag bei Männern im Vergleich zu 30,0 Jahren bei Frauen und bei der durchschnittlichen täglich konsumierten Alkoholmenge von 65,7 g bei Männern und 24,1 g bei Frauen. Patienten mit einem niedrigen Komorbiditätsindex (Kaplan-Feinstein Index 0-1) waren in einem Prozentsatz von 66,5% vertreten, die restlichen 33,5% der Patienten wurden mit einem hohen Komorbiditätsindex (Kaplan-Feinstein-Index 2-3) eingestuft. Weniger als ein Drittel der Patienten wiesen zum Aufnahmezeitpunkt keine bedeutsame Komorbidität (Kaplan-Feinstein-Index 0) auf. Das Geschlecht, das Alter bei der Erstaufnahme, die Tumorlokalisation, die histopathologische Differenzierung und das Tumorstadium waren in beiden Gruppen gleich verteilt. Folgende signifikante Unterschiede zeigten sich zwischen beiden Gruppen: In der Gruppe der Patienten mit geringer Komorbidität (Kaplan-Feinstein-Index 0-1) betrug die mittlere Dauer des stationären Aufenthaltes 24,4 Tage im Vergleich zu 33,3 Tagen bei der Gruppe der Patienten mit hoher Komorbidität (Kaplan-Feinstein-Index 2-3). Es traten insgesamt in 13% der untersuchten Fälle postoperative Komplikationen auf, wobei Anzahl und Schwere der Komplikationen mit steigender Komorbidität zunahmen. Ebenso zeigte sich bei Patienten mit einer hohen Komorbidität eine signifikant kürzere Zeitspanne bis zum Auftreten eines Rezidives und eine kürzere Überlebensdauer.

Folgerung: Begleitende, meist internistische, Erkrankungen haben signifikanten Einfluß auf den Heilungsverlauf nach operativen Maßnahmen und auf Rezidivrate und Überlebensdauer.

M. Stein, C. Herberhold, E.K. Walther, S. Langenberg:
70. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Aachen, 12.-15. Mai 1999