HNO Klinik Bonn > Forschung > Publikationen > Klinisch Praktische Informationen
(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)
Die Manometrie registriert Druckveränderungen, die durch Luftsäulenkompression oder Flüssigkeitsverschiebungen in einem Hohlorgan erzeugt werden. Angewandt auf die Verhältnisse in Pharynx und Ösophagus ermöglicht sie einen Einblick in die Schluckfunktion. Das spezielle System besteht aus vierkanaligen Halbleiter-Drucksensoren mit digitaler Analogverarbeitung und computergesteuerter Auswertung. Die flexible Manometriesonde hat einen Außendurchmesser von 4,7 mm. Die Drucksensoren innerhalb der Sonde stehen in direktem Kontakt mit der pharyngealen Wandung. Die schluckabhängige Frequenzantwort der Drucksensoren erfasst die Amplitude der pharyngealen Boluspropulsion anhand der peristaltischen Kontraktionen sowie die pharyngoösophagealen Druckschwankungen in Koordination zur Boluspassage. Die Drucksonden werden transnasal in den Pharynx eingeführt und die Sensoren in Höhe des Zungengrundes, des Larynxeinganges bzw. Hypopharynx, des pharyngoösophagealen Oberganges und des zervikalen Ösophagus plaziert. Ein koordinierter Schluckakt hängt nicht von bestimmten Schwellenwerten ab, sondern von einem zeitlich abgestuften Reflexablauf. Kontraktionszeiten, Druckamplituden und Zeitintervalle zwischen und innerhalb der Kontraktionen werden als entscheidende Parameter getrennt ermittelt.
Im Pharynx liegen aktionsbezogene Druckamplituden in Höhe des Zungengrundes zwischen 100 und 200 mmHg, im Bereich der Konstriktoren zwischen 60 und 150 mmHg. Kurzzeitige Druckspitzen erreichen bis zu 600 mmHg. Der pharyngoösophageale Ruhedruck liegt durchschnittlich bei 45 mmHg. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der pharyngealen Druckwelle schwankt zwischen 8 und 23 cm/s. Die gesamte pharyngeale Passagezeit beträgt maximal 1,2 s. Die zeitliche Relation der pharyngealen Kontraktionen zur Relaxation im pharyngoösophagealen Segment ist ein Indiz für die Schluckkoordination zwischen Pharynx und oberem Ösophagussphinkter. Das bedeutet, dass der oropharyngeale Druckpumpenstoß nur dann auf den Bolus übertragen wird, wenn zeitgleich der Sphinkter im Sinne eines Saugeffektes erschlafft, um den Bolus aufzunehmen. Zum Zeitpunkt der maximalen Zungengrundkontraktion muss der Sphinkter vollständig relaxiert sein, um ein effektives Druckgefälle mit negativem absolutem Residualdruck - d .h. das Verhältnis des pharyngoösophagealen Ruhedrucks zum minimalen Druck innerhalb der deglutitiven Sphinktererschlaffung – als Maß der Sogwirkung aufzubauen. Dies geschieht noch während der laryngealen Elevation. Postdeglutitiv kommt es unmittelbar mit dem Abklingen der pharyngealen Kontraktionswelle zu einer verstärkten Sphinkterkontraktion, um einem Speisereflux zurück in den Hypopharynx vorzubeugen. Der Sphinkter selbst stellt sich als eine Hochdruckzone mit longitudinaler und radiärer Asymmetrie dar, die sich bei der prädeglutitiven Elevationsbewegung zudem um 2 - 3 cm verschieben kann.
Im Vergleich zu anderen Untersuchungsverfahren wird deutlich, dass die Manometrie den besten diagnostischen Einblick vor allem in die Sphinkterfunktion gewährt. Funktionsstörungen des pharyngoösophagealen Überganges werden als Sphinkterdyskinesien zusammengefasst. Eine röntgenologisch sichtbare Sphinkteröffnung schließt Dyskinesien keineswegs aus. Sie treten selten isoliert auf und sind häufiger funktionelles Substrat einer organischen Erkrankung. Sphinkterdyskinesien beinhalten eine vorzeitige bzw. verspätete Sphinkteröffnung, eine unvollständige Relaxation und einen vorzeitigen bzw. verspäteten Sphinkterschluss. Bei gestörter Schluckinitiierung im Zungengrund fehlt eine willkürliche Kontrolle der Bolusformierung, es kommt zum Leaking-Phänomen, d.h. vorzeitigem Speiseübertritt in den Pharynx. Der Schluckreflex setzt dann unkoordiniert ein, der Zungengrund wird von den Konstriktoren sozusagen überholt, als ob sich die Kontraktionsrichtung umkehrt. Neurogene Schluckstörungen zeichnen sich durch komplexe Lähmungsbilder mit vollständiger Dyskoordination des Schluckaktes aus.