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Klinisch-Praktische Informationen 2, 9 (1994)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Pathophysiologie des zervikalen Lymphsystems

Bei Störungen des Abtransportes der lymphpflichtigen Eiweißlast aus dem Interstitium kommt es zum Lymphödem, das in eine primäre und sekundäre Form unterteilt werden kann. Das primäre Lymphödem entwickelt sich auf der Grundlage von Lymphgefäßmalformationen wie Aplasie, Hypo- oder Hyperplasie. Das sekundäre Lymphödem beruht demgegenüber auf einer mechanischen Einwirkung oder auf einer Erkrankung, woraus nachfolgend ein Lymphödem resultiert. Hierzu gehören Traumen, Entzündungsvorgänge und Tumorinfiltrationen. Posttraumatische sekundäre Lymphödeme entstehen meistens auf der Grundlage von Narbenbildungen nach chirurgischen Eingriffen mit den daraus resultierenden Lymphgefäßobliterationen und -unterbrechungen. Zu den narbenbedingten sekundären Lymphödemen gehören im erweiterten Sinne auch diejenigen nach Strahlentherapie. Hierbei werden Lymphgefäße einer besonderen Belastung durch vermehrte Resorption und Transportfunktion ausgesetzt, da einerseits vermehrt Zelldetritus und aus dem Verband gelöste Zellen anfallen und andererseits der Lymphstrom infolge eines durch die Blutkapillarschädigung verursachten gesteigerten interstitiellen Flüssigkeits- und Proteingehaltes verstärkt werden muss. Beim Überschreiten der lymphogenen Transportkapazität kommt es zur Ausbildung eines interstitiellen Ödems. Hierbei spannen die an den Lymphendothelien inserierenden feinen Filamente die Lymphgefäßwand und führen auf diesem Wege zur Öffnung von interendothelialen Junktionen. Nach einer Strahlentherapie fehlen die Verankerungsfilamente allerdings vielfach, wodurch die zur Entlastung des interstitiellen Druckanstiegs notwendige Interaktion zwischen Gefäßwand und umgebendem Gewebe nachhaltig gestört wird. Hieraus kann ein sekundäres Lymphödem resultieren. Lymphödeme, die auf der Grundlage einer Tumorinfiltration entstehen, sind im zervikalen Abflussbereich ebenfalls zu beobachten. Das Ödem kann auch auf Lymphgefäßobliterationen zurückzuführen sein, die durch ein lokales Tumor- oder Metastasenwachstum verursacht sind.

Neben den pathophysiologischen Vorgängen bei der Lymphödementstehung ist die lymphogene Fortleitung entzündlicher Prozesse und vor allem die lymphogene Karzinomausbreitung und Metastasierung von Bedeutung. So führt die lymphogene Metastasierung der Plattenepithelkarzinome des oberen Aerodigestivtraktes zur Verminderung der 5-Jahres-Überlebensrate um etwa die Hälfte. Die Lymphknotenmetastase steht am Ende eines hochselektiven und zugleich komplexen Prozesses, der noch keineswegs in allen Einzelheiten geklärt ist. Trotz der Komplexität ergeben sich für die Metastasierungsfrequenz und -richtung der Karzinome im Kopf-Hals-Bereich Abhängigkeiten von Tumorinvasionstiefe, Tumorgröße und auch von der Lymphgefäßdichte im Gebiet des Karzinomsitzes. Karzinome von lymphgefäßarmen Schleimhautarealen, z.B. von Stimmlippe oder Nasennebenhöhlen, metastasieren bei gleicher Größe, Invasionstiefe und Tumordifferenzierung deutlich seltener lymphogen als solche von lymphgefäßreichen Schleimhautarealen wie z.B. im Naso- oder Hypopharynx. Die Metastasierungsrichtung folgt überwiegend den physiologischen Lymphabflussrouten aus den verschiedenen Regionen des Aerodigestivtraktes. Hiervon abweichend, werden immer wieder Lymphknotenmetastasen in Regionen beobachtet, die für den jeweiligen Karzinomsitz untypisch sind. Dies kann auf eine Änderung des Lymphabflusses durch Entzündungen, Strahlentherapie, vorherige chirurgische Eingriffe oder auch durch das Tumorwachstum mit daraus resultierenden Lymphgefäß- und Lymphknotenobliterationen erklärt werden. Ebenso kommt es nach einer Halsoperation oder nach einer Strahlentherapie nicht selten zum Auftreten primär kontralateraler Halslymphknotenmetastasen. Hierfür kommen drei Mechanismen in Frage: 1. zur Gegenseite kreuzende afferente Lymphgefäße; 2. Areale mit einem intensiven Mittellinienübertritt von Lymphbahnen; 3. eine retrograde Metastasierung entlang kreuzender efferenter Lymphgefäße im Falle eines ausgedehnten regionären Lymphknotenbefalls. Durch ein Lymphabflusshindernis kann es zudem zur Lymphklappeninsuffizienz mit konsekutivem Lymphrückfluss kommen. Der retrograde Metastasierungsmechanismus kann ebenso über einen neugebildeten Lymphgefäßbypass erfolgen, der das gestaute Lymphgefäß des distalen Lymphknotens mit einem seiner afferenten Lymphgefäße verbindet.

C. Herberhold, J.A. Werner, E.K. Walther:
Physiologie und Pathophysiologie sowie klinische Bezüge des zervikalen Lymphsystems, in Druck
Naumann H.H., J. Helms, C. Herberhold, E. Kastenbauer (Hrsg.):
Oto-Rhino-Laryngologie in Klinik und Praxis. Band 1, Thieme, Stuttgart, in Druck.