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Klinisch-Praktische Informationen 3, 10 (1995)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Rationale Dysphagiediagnostik

Mehr als 60% der über 50jährigen Patienten klagen heute über Schluckbeschwerden, die sie früher oder später zu einem Arztbesuch veranlassen. Die Störungsmöglichkeiten eines geregelten Nahrungstransportes von der Mundhöhle in den Magen sind angesichts der Komplexität des Schluckaktes vielfältig. Ergibt sich kein Anhalt für eine organische Ursache des „Banalsymptoms“ Dysphagie mit entsprechendem morphologischem Substrat, müssen Funktions- und Koordinationsstörungen des Pharynx, Larynx und des pharyngoösophagealen Überganges gezielt ausgeschlossen werden. Voraussetzung hierfür ist eine strukturierte Diagnostik mit interdisziplinärem Vorgehen.

Der Schlüssel zur Diagnose ist nach wie vor eine gründliche anamnestische Erhebung, die retrospektiv in 80 bis 85% der Fälle auf die richtige Diagnose hinweist und das weitere Vorgehen steuert. Als geeignet hat sich ein standardisierter Fragebogen erwiesen, in dem die Patienten allgemeine Fragen zur Eigenanamnese und zu ihren jetzigen Dysphagiebeschwerden beantworten. Gezielte Frageblöcke differenzieren zwischen Globus pharyngis, Divertikel, oropharyngealer, ösophagealer, vertebragener und neurogener Dysphagie. Diese gegliederte Anamnese wird zwingend durch klinisch-endoskopische Befunde ergänzt.

Als weiterführendes bildgebendes Verfahren der Wahl gilt heute die Videofluoroskopie, die im Gegensatz zur statischen Kontrastmittelpassage („Breischluck“) die oberen Speisewege unter funktionellen Aspekten dynamisch darstellt. Speziellen Fragestellungen dient die Kinematographie mit hoher Bildfrequenz pro Zeiteinheit (Hochfrequenz-Kinematographie). Der Röntgenbefund wird mit den anamnestischen Angaben des Patienten und dem klinischen Bild interdisziplinär erörtert. Kann eine endgültige Diagnose gestellt werden, schließt sich die Festlegung eines Therapieplanes an. Ergibt sich lediglich eine vorläufige Diagnose, wird die Untersuchung in Absprache der beteiligten Disziplinen weiter geführt.

Die Ergebnisse HNO-ärztlicher elektrophysiologischer Messungen bevorzugt mit der pharyngealen Sequenz-Computermanometrie und ggf. der Elektromyographie (z.B. Sphinkterdyskinesien) werden durch fachübergreifende Untersuchungen seitens Gastroenterologie (z.B. Refluxösophagitis), Neurologie (z.B. Myasthenie, ALS), Chirurgie (z.B. Hiatushernie) und/oder Nuklearmedizin (z.B. Struma) sowie durch weiterführende bildgebende Diagnostik (Sonographie, CT, MRT) fallbezogen ergänzt und führen schließlich nach nochmaliger gemeinsamer Befundwertung zur endgültigen Diagnose und entsprechender therapeutischer Konsequenz. Wenn sich eine fachübergreifende Diagnostik der Dysphagie an den komplizierten physiologischen Abläufen beim Schluckakt orientiert, können Fortschritte bei der Klärung der pathophysiologischen Zusammenhänge auf therapeutische Aktivitäten übertragen werden, wie sie vermehrt die Kopf-Hals-Chirurgie zur Entwicklung neuer operativer Verfahren anregt.

Walther, E.K.:
rationale Dysphagiediagnostik. Laryngo-rhino-otol. 1993, 72: 459-460.