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Klinisch-Praktische Informationen 6, 10 (1997)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Die ontogenetische Entwicklung des Hörvermögens und seine funktionelle bzw. diagnostische Erfassbarkeit

Unter den menschlichen Sinnesorganen ist das Ohr besonders komplex konstruiert und in seiner Funktion nur mit Detailkenntnissen zu verstehen. In der Ontogenese ist es das erste Organ, das bereits beim viereinhalb Monate alten Fetus entwickelt ist und seine Funktion ab diesem Zeitpunkt in Stufen aufnimmt. Eine objektive audiometrische Diagnostik im Kindesalter von der Postnatalzeit und bis zum Schulalter ist mit Hilfe verschiedener Prüfverfahren wie z.B. der Ableitung von akustisch evozierten Potentialen, einer Elektrocochleographie, mit otoakustischen Emissionen (OAE), Impedanzmessungen oder einer Reflexaudiometrie etc. heute in Perfektion möglich. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Neugeborenen- und Säuglingsaudiometrie sich z.B. die Ableitungen der akustisch evozierten Potentiale hinsichtlich Wellenmorphologie, Latenzzeiten und Interpeakintervallen als Hinweis auf die noch nicht abgeschlossenen Reifungsprozesse gegenüber dem Erwachsenenafter unterscheiden. Ende des 3. Lebensjahres ist aber die Hörreifung abgeschlossen, so dass die Ableitung der akustisch evozierten Potentiale denen des Erwachsenen gleicht. Früh- und Neugeborene weisen weiterhin eine große Empfindlichkeit für hohe Frequenzen auf, erkennbar anhand der Registrierung der otoakustischen Emissionen. Schon in den ersten Lebensmonaten gleicht sich jedoch das Spektrum der otoakustischen Emissionen der Frühgeborenen dem von Erwachsenen an. Frage ist, ob mit geeigneten Verfahren schon in der Schwangerschaft auf das Hörvermögen des Feten geschlossen werden kann.

Synoptisch (Abb. 1) wurden Entwicklungsanatomie, Funktionsdaten und Prüfmöglichkeiten aus dem Schrifttum zu dieser Frage zusammengestellt Intrauterin kann man zunächst an vegetativen Funktionen des wachsenden Körpers Reaktionen auf Schallreize beobachten. So ist es möglich, bereits in der 12. bis 22. Schwangerschaftswoche mit einem hochempfindlichen Messverfahren Aktivitäten der äußeren Haarzellen (schwache otoakustische Emissionen, Summenaktionspotentiale, Cochlearmikrophonpotentiale) zu registrieren. Dies betrifft tiefe Frequenzen im Bereich von 500 Hz. Die äußeren Haarzellen sind zu diesem Zeitpunkt zwar angelegt, in der 20. Schwangerschaftswoche beginnt aber erst ihre Synapsenbildung mit dem medialen olivocochleären System. Auch ist eine Ableitung früher akustisch evozierter Potentiale (FAEP) vor der 25. Schwangerschaftswoche denkbar, da die Anlage der Generierungsorte der Hirnstammpotentiale bereits in der 6. bis 9. Entwicklungswoche erkennbar ist.

Moderne Nachrichtentechnik in der audiologischen Diagnostik bietet sich an, Fortschritte in der pränatalen Hördiagnostik zu liefern. Hieran wird gearbeitet.

Erb. C.:
Die ontogenesche Entwicklung des Hörvermögens und seine funktionelle bzw. diagnostische Erfassbarkeit. Inaugural-Dissertation, Bonn 1997.