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(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)
Operation und Radiotherapie von Tumoren an Kopf und Hals bedingen zumindest vorübergehend Störungen des regionären Lymphabflusses mit entsprechenden Ödembildungen unterschiedlichen Ausmaßes. Neben der optischen Veränderung entwickeln sich für die betroffenen Patienten u.a. Missempfindungen, Bewegungseinschränkung, manchmal Sehstörungen und Dysphagie. Eine medikamentöse Therapie mit konkreten reproduzierbaren Resultaten gibt es außer Corticosteroiden nicht, so dass „Ausmassieren“ des Ödems landläufig angestrebt wird (manuelle Lymphdrainage).
Die onkologische Situation im Kopf-Hals-Bereich ist insofern gesondert gegenüber anderen Körperregionen zu betrachten, da Orte von Primärtumor und regionärer Metastasierung eng beieinander liegen und sich die posttherapeutischen Schwellungen im Erkrankungsbereich entwickeln. Wird jetzt im Kopf-Hals-Bereich manuelle Lymphdrainage eingesetzt, so findet die mechanische Gewebseinwirkung unmittelbar im Tumor- bzw. Metastasen-Bereich statt. Trotz Resektion von Primärtumor und Neck dissection ist nicht auszuschließen, dass Mikrometastasen um dieses Areal verblieben sind. Außerdem ist bekannt, dass ein NO-Hals sogar in bis zu 60 % der Fälle Mikrometastasen beherbergen kann. So ist es durchaus im Bereich des Möglichen, dass diese Tumorzellnester unter äußeren mechanischen Einwirkungen bevorzugt lymphogen aufgenommen und generalisiert verschleppt werden können.
Vor diesem Hintergrund haben wir nach Beobachtung höchst trauriger Verläufe mit exzessiver Fernmetastasierung auf die Problematik der fazio-zervikalen Lymphdrainage aufmerksam gemacht (1) und in letzter Zeit im Anschlussheilverfahren die Kurkliniken gebeten, auf Lymphdrainagen bei unseren Patienten zu verzichten. In der Zwischenzeit haben wir eine umfangreiche katamnestische Untersuchung der Jahre 1985 - 1993 abgeschlossen. Von 328 verstorbenen Tumorpatienten wiesen 31,4 % zum Zeitpunkt des Todes Fernmetastasen auf. Diese Bilanz entspricht einer gleichgerichteten Untersuchung an Obduktionsfällen früherer Jahre (2). In einem Kollektiv mit manueller Lymphdrainage erhöht sich der Anteil an Fernmetastasen mit 51,7 % nahezu auf das doppelte (3).
Zweifelsfrei sind derzeit noch zahlreiche Fragen vornehmlich zur primären Mikrometastasierung, zum Schicksal posttherapeutisch verbliebener Tumorzellnester, zur Metastasierung bzw. mechanisch induzierten Tumorzellverschleppung zu klären. Die oben festgestellte Häufung von Fernmetastasierungen nach manueller Lymphdrainage verbietet uns jedoch gegenwärtig, bei Patienten mit kurativem Therapiekonzept diese Zusatzbehandlung anzuwenden.