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Klinisch-Praktische Informationen 6, 12 (1998)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Riechstörungen durch Inhalationsintoxikationen

Bei einer ständig steigenden Zahl der Gutachtenaufträge an unsere Klinik hinsichtlich Untersuchungen der chemosensorischen Leistungen erhöhen sich entsprechend auch gezielte Anfragen nach intoxikativen Riechstörungen. Als Auftraggeber stehen Sozialgerichte, Landwirtschaftliche- und Chemische Industrie-Berufsgenossenschaften im Vordergrund. Die olfaktotoxischen Schadstoffe umfassen u.a. Schwefel und seine Verbindungen, Phosphorwasserstoff, Flußsäure, Insektizide, organische Lösungsmittel, Benzin und Benzolhomologe.

Bei fehlender Dokumentation in den Gutachtenakten ist zum erforderlichen Nachweis von Exposition und Einwirkzeit in einzelnen Fällen ein Versuchsaufbau im Labor zur Simulation des Unfallhergangs nötig. Hierbei kann in einem vertretbaren Aufwand z. B. mit Prüfröhrchen und Gasspürpumpe) eine Exposition wahrscheinlich gemacht bzw. widerlegt werden.

Die statistische Aufarbeitung von bisher 15 Fällen läßt sich wie folgt zusammenfassen.

Bereits der einmalige Kontakt mit Phosphorwasserstoff oder Schwefeldioxid sowie die wiederholte Exposition von Dämpfen der Schwefel- und Flußsäure in erheblicher Überschreitung der MAK-Werte führten zur Anosmie. Hyposmien wurden bei wiederholter Exposition von Insektiziden, Benzolhomologen und organischen Lösungsmitteln erkannt.

Der Verlust des Riechsinnes konnte in allen Fällen durch Fehlen olfaktorisch evozierter Potentiale objektiviert werden. Hyposmien waren durch Amplituden- und Latenzzeitveränderungen der noch ableitbaren evozierten Potentiale im Vergleich zu Normalbefunden gekennzeichnet.

In Fällen, bei denen eine ausreichende Exposition als sehr wahrscheinlich angenommen werden konnte, entwickelte sich die Riechstörung als Anosmie innerhalb weniger Tage, oft mit einer Latenzzeit von nur wenigen Stunden nach Expositionsbeginn. In 3/4 dieser Fälle lagen begleitende internistische (toxisches Lungenödem) und neurologische Symptome (Bewußtlosigkeit) im zeitlichen Zusammenhang mit der Intoxikation vor, die eine Intensivüberwachung oder -behandlung erforderten.

In Fällen, bei denen eine ausreichende Exposition als kaum wahrscheinlich angenommen werden mußte, wurden demgegenüber keine akuten, sondern allmählich zunehmende Riechstörungen, oft mit einer Latenzzeit von mehreren Monaten bis Jahren seit vermeintlicher Exposition vorgebracht. In diesen Fällen konnten dann auch andere Ursachen für Riechstörungen wie Schädelhirntraumen und grippale Infekte wahrscheinlich gemacht werden. Intoxikationstypische Begleitsymptome waren in diesen Fällen ebenfalls nicht vorhanden. Ein entschädigungspflichtiges Ausmaß der erkannten Riechstörung wurde bei dieser Gruppe der Begutachteten ohnehin nur selten erkannt.

Als Quintessenz ergibt sich, daß die naturwissenschaftlich unterlegte Fallanalyse sowie die objektive Olfaktometrie durch Registrierung olfaktorisch evozierter Potentiale gute und sachliche Grundlagen für die Begutachtung intoxikativer Riechstörungen abgeben.

R. Rödel, C. Herberhold:
Riechstörungen durch Inhalationsintoxikationen. In Vorbereitung.