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Klinisch-Praktische Informationen 4, 1 (1998)

6, 1 (1998)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

Zur Frage der fazio-zervikalen manuellen Lymphdrainage

Mechanische Effekte einer manuellen Lymphdrainage im tumortragenden Bereich erhöhen offenbar auch nach operativer und strahlentherapeutischer Behandlung von Kopf- Hals- Tumoren die Gefahr einer Fernmetastasierung. Hierauf wurde mehrfach hingewiesen (1,2,3,4). Zu dieser Problematik wurden umfangreiche katamnestische Untersuchungen durchgeführt.

Von 324 in den Jahren 1985-1993 verstorbenen Tumorpatienten mit Carcinomen im Bereich der Mundhöhle, des Oropharynx, des Hypopharynx und des Larynx wiesen insgesamt 30,9% zum Zeitpunkt ihres Todes Fernmetastasen auf. Nach manueller Lymphdrainage in der Anamnese war der Anteil der Patienten mit Fernmetastasen mit 54,8% im Vergleich zur Gesamtgruppe deutlich erhöht. Hingegen traten bei Patienten, bei denen keine manuelle Lymphdrainage durchgeführt worden war, nur in 23,2% der Fälle Fernmetastasen auf.

Um zu sichern, daß die unterschiedlichen Fernmetastasenraten beider Patientenkollektive nicht durch andere Kriterien als durch den Einsatz einer Lymphdrainage beeinflußt waren, wurde in den Untersuchungsgruppen nach Primärtumorausdehnung, Auftreten von Zweitcarcinomen und prätherapeutischem Allgemeinzustand der Patienten differenziert. Als Resultat ergab sich, daß Patienten, bei denen eine Lymphdrainage durchgeführt worden war, prätherapeutisch keine größere Primärtumorausdehnung entwickelt hatten als in der Vergleichsgruppe. In der Verteilung des Karnofsky-Index sowie der Zweitcarcinomrate ergab sich ebenfalls kein signifikanter Unterschied in beiden Kollektiven. Nach dem ersten posttherapeutischen Jahr lagen gleich hohe Sterberaten vor. Bis zur 5-Jahres-Überlebenszeit wichen allerdings die Sterbekurven zugunsten der Gruppe ohne Lymphdrainage voneinander ab.

Offensichtlich können postoperativ oder auch nach einer Strahlentherapie im Operationsbereich noch verbliebene Tumorzellen durch die mechanische Manipulation während der manuellen Lymphdrainage mit der Möglichkeit zur Fernmetastasierung verschleppt werden. Ursprung einer solchen Aussaat von Tumorzellen sind in erster Linie okkulte Mikrometastasen, die sich nicht nur einer klinischen und radiologischen, sondern auch einer routinemäßigen histologischen Untersuchung entziehen.

Die manuelle Lymphdrainage nach operativer oder strahlentherapeutischer Behandlung von Kopf- Hals- Tumoren kann aus onkologischer Sicht weiterhin nicht empfohlen werden.

Literatur:
Herberhold C: Manuelle Lymphdrainage im Kopf-Hals-Bereich? Laryngo-Rhino-Otol. 1993; 72: 580.
Herberhold C: Fernmetastasen nach manueller Lymphdrainage. Lymphologica 1995, 27.-28.10.1995 Bochum.
May R, Herberhold C: Wird die Metastasenrate durch Manipulation im Tumorgebiet beeinflußt? Lymphologica 1996, 6.- 7.9.1996 Freiburg.
May R, Herberhold C: Möglichkeiten und Grenzen der Lymphdrainage in der HNO-Heilkunde. 2. Jenaer Fort- und Weiterbildungskurs “Onkologie in der HNO-Heilkunde” 7.-8.11.1997