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Klinisch-Praktische Informationen 4, 3 (1994)

Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Universität Bonn
Bonn-Venusberg

(Direktor Prof. Dr. C. Herberhold)

HIV-assoziierte Parotiszysten

HIV-assoziierte Erkrankungen der Ohrspeicheldrüse beinhalten bakterielle oder virale Entzündungen wie z.B. die Zytomegalie-induzierte Sialadenitis, intra- und periglanduläre Lymphknotenvergrößerungen sowie Tumoren. Darüberhinaus wurden in den letzten Jahren ungewöhnliche zystische Parotisschwellungen mit benignen, lymphoepithelialen Veränderungen im Verlauf einer HIV- Erkrankung beschrieben. Sie begleiten das initiale generalisierte "Lymphadenopathie-Syndrom" (LAS-Stadium) und sollen Teil einer systemischen lymphoretikulären Immunantwort auf die HIV-Infektion sein.

20 konsekutiv vorgestellte HIV-seropositive Patienten wurden gezielt nach zystischen Parotisveränderungen untersucht. Seitens der Grunderkrankung befanden sich jeweils 9 Patienten im CDC-Stadium II bzw. IV nach der Klassifikation des Centers for Disease Control und 2 im Stadium III. Lediglich 1 Patient bot klinisch eine bilaterale Parotisschwellung. Parotiszysten wurden solitär oder multizentrisch bei 9/20 Patienten beobachtet, in 3 Fällen doppelseitig. Der Durchmesser der Zysten schwankte zwischen 3 mm und knapp 4 cm. Zum Teil waren sie gekammert. Bei 17/20 Patienten waren vergrößerte Halslymphknoten nachweisbar. Bei 9 Patienten fanden sich auch intraparotideale Lymphknoten mit einer Größe von bis zu 1,3 cm Durchmesser. Auch gemischte Bilder mit Zysten und Lymphknoten kommen vor. Eine Korrelation der Parotiszysten mit dem CDC- Stadium bestand nicht. Ein Sicca-Syndrom oder eine periphere Fazialisparese wurde in keinem Fall beobachtet.

Im Hamburger Speicheldrüsenregister liegen Zysten in etwa 6% aller Speicheldrüsentumoren vor. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Mukozelen, aber auch um Speichelgangszysten, lymphoepitheliale oder dysgenetische Zysten. Daten zur Inzidenz von Parotiszysten bei HIV-Patienten sind nicht bekannt, insbesondere fehlen Angaben über asymptomatische Zufallsbefunde. Das Auftreten der Zysten scheint jedoch gehäuft in frühen Krankheitsstadien und bei noch hohen CD4-Zellwerten vorzukommen. Ihre Entstehung wird als systemische lymphoretikuläre Reaktion auf die HIV-Infektion gedeutet. Diskutiert wird auch eine zystische Degeneration parotidealer Lymphknotenvergrößerungen sowie eine direkte Einwirkung des HIV-Virus. Pathohistologisch handelt es sich um epithelial ausgekleidete Hohlräume, die von hyperplastischem lymphoidem Gewebe umgeben sind. Im Zysteninhalt ist ein um das 6fache erhöhter HIV-Antikörpertiter im Vergleich zum Serum nachweisbar.

Obwohl Hinweise für eine Assoziation von Parotiszysten mit anderen HIV-typischen Läsionen fehlen und die Zysten überwiegend zufällig entdeckt wurden, sollten die bei HIV-Patienten seltenen parotidealen Manifestationen maligner Lymphome sowie ein Kaposi-Sarkom gezielt ausgeschlossen werden. Der Nachweis von Parotiszysten im Rahmen der Abklärung parotidealer Raumforderungen sollte jedoch die Möglichkeit einer bis dahin verborgenen HIV-Infektion nicht außer acht lassen und die weitere Diagnostik leiten. Als nicht-invasive Methode ist die Sonographie Methode der Wahl. CT und MRT haben ihren Stellenwert insbesondere in der Stufendiagnostik bei Malignitätsverdacht. Die Sialographie kann Speichelgangszysten differentialdiagnostisch abgrenzen.

Die im Schrifttum vorgeschlagene laterofaziale Parotidektomie im Sinne einer großen Biopsie zur histologischen Abklärung und/oder zur Therapie wird kritisch beurteilt, zumal der Verlauf der Grunderkrankung nicht beeinflußt und ein Übergang der HIV-Seropositivität in die Erkrankung nicht verhindert wird. Daher hat sich eine Operationsindikation an der individuellen Prognose zu orientieren. Eine Punktion der Zysten ist nur von vorübergehendem Effekt, da in 50% der Fälle Rezidive auftreten. Allerdings kann die Zystenpunktion diagnostisch unter Berücksichtigung der Tragweite einer HIV-Infektion palliativ ausreichend sein.

Als Konsequenz ergibt sich, daß bei HIV-seropositiven Patienten die gezielte Parotissonographie zu empfehlen ist. Sofern bei Patienten, die aus anderer Indikation einer Sonographie des Kopf-Hals- Bereiches unterzogen werden, Parotiszysten gefunden werden, ist die Möglichkeit einer bis dahin verborgenen HIV-Infektion in die differentialdiagnostischen Überlegungen mit einzubeziehen.

Walther, E.K., P. Huck:
HIV-assoziierte Parotiszysten. Vortrag auf dem Arbeitskreis "HIV und AIDS" der Medizinischen Einrichtungen der Universität Bonn, 9.2.1994 und Laryngo-Rhino-Otol. 73 (1994) im Druck.